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Praktiker und Wissenschafter zur Sprachüberforderung

"Wissenschaftliche Gutachten zeigen, dass zwei Fremdsprachen an der Primarschule möglich sind", beteuert man uns immer wieder. So forderte die Zürcher Bildungsdirektion seinerzeit von Prof. Dr. Otto Stern von der PHZH ein Gutachten über den Erwerb mehrerer Sprachen an der Primarschule ein, das dem Zweck "gerecht wird, kritischen Einwänden zur geplanten Volksschulreform fundierte Argumente gegenüber zu stellen." Dieses Gutachten wurde dann auch als wissenschaftliche Grundlage für den folgenschweren Bildungsratsbeschluss vom 14. 3. 2003 benützt, Frühenglisch ab August 2005 flächendeckend einzuführen.

Gegengutachten
In einem von uns erbetenen Gutachten zu Sterns Arbeit schreibt Prof. Dr. Rudolf Wachter, vergleichender Sprachwissenschafter an der Universität Basel, "dass über "Richtig" und "Falsch" in dieser Frage auf wissenschaftlicher Grundlage gar nichts ausgesagt werden kann, weil keinerlei relevante Daten existieren, weder fremde noch von Stern selbst erhobene." Eine peinliche Feststellung für die Zürcher Bildungsdirektion!

Gutachten Rudolf Wachter lesen (pdf)

Kaleidoskopisch sollen hier nun Aussagen von Praktikern und Wissenschaftern zeigen, wie viele offene Fragen vor einem flächendeckenden Entscheid noch zu beantworten sind.

Überforderung
So sind für die Initianten der Volksinitiative zwei Fremdsprachen an der Primarschule tatsächlich eine Überforderung. Diese resultiert aber nicht nur aus der Mehrsprachigkeit allein, sondern ist kumulativ verbunden mit weiteren sprachlichen Belastungsfaktoren wie frühem Sprachenbeginn, beabsichtigter Immersion, alarmierender Deutschsituation. Daher muss hier auch von diesen die Rede sein. Dabei werden all die andern Belastungen stillschweigend auf der Seite gelassen: Übriger Fächerkanon, delegierte Erziehungsprobleme, Ausländeranteil...

Die Zürcher Schulsynode lehnte als Gesamtlehrerschaft im Oktober 2003 zwei Fremdsprachen ebenfalls ab. Für sie besteht "kein Zeitdruck, das Frühenglisch in einer Hauruckübung einzuführen. Alle Kinder haben bereits heute Kenntnisse in der englischen Sprache, wenn sie die Volksschule verlassen."

Die Synode verlangt Schulversuche mit verschiedenen Modellen, bevor Englisch auf der Primarstufe definitiv eingeführt wird. Sie befürchtet, dass sich mit Frühenglisch die Schere zwischen schwachen und starken Schülern noch mehr öffnet. Für den Kanton Zürich müsse dringend ein umfassendes Gesamtsprachenkonzept erarbeitet werden, welches Basis für weitere Entscheide sei.

Mehrere Fremdsprachen
Prof. Dr. Iwar Werlen, Linguist an der Universität Bern, äusserte kürzlich in einem offenen Gespräch uns gegenüber, seiner Meinung nach seien zwei Fremdsprachen an der Primarschule keine Überforderung. Auf die Frage, wie er sich als Wissenschafter erkläre, dass es hingegen für die Praktiker eines ganzen Kantons, die Zürcher Schulsynode nämlich, eine Überforderung sei, schränkte er klar ein - und dies mehrmals -, keine Überforderung sei es nur unter ganz bestimmten Bedingungen:

Die Fremdsprachen dürften nicht prüfungsrelevant sein, nötig sei ein hohes Ausbildungsniveau der Lehrkräfte und die Frage nach dem Zeitbudget, was nämlich am Ende der Volksschulzeit zu können sei, müsse gelöst sein.

Entsprechen diese Bedingungen der Schulrealität? Irgendwann kommt doch die Stunde der Einstufung, nicht nur in Rechnen und Deutsch. Zwischen den "hohen Lehreranforderungen und der Ausbildungsrealität" herrsche in der Tat eine Diskrepanz, so Werlen. Und dass der Verteilkampf in den verschiedenen Fächern noch nicht ausgestanden ist, wissen wir alle. Die künftige PISA - Untersuchung, diesmal zu den Naturwissenschaften, lässt neue Prioritäten und Paradigmenwechsel erahnen...

Wie es um die Aussagekraft der Wissenschaft zum Thema "mehrere Sprachen" bestellt ist, bezeugt nebst Wachter auch Otto Stern selbst: Gleich in der Einleitung macht er klar, sein Gutachten befasse sich "mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Erwerb mehrerer Sprachen an der Primarschule, wobei sofort gesagt werden muss, dass hier die Forschungslage (noch) sehr dürftig ist ...".

Diesen mageren Ergebnissen gegenüber liegen substantiellere aus der Praxis vor: Die Einstufungstests fürs 10. Schuljahr zeigen, dass seit der Einführung des Obligatoriums einer zweiten Fremdsprache an der Zürcher Oberstufe (1999) die Französischresultate der Realschüler (Sek. B) markant gesunken sind.

Die Sorge um Überforderung in der Primarschule erscheint erst recht berechtigt, wenn man etwa die hohe Zahl der Drittklässler mit bereits sonderpädagogischer Biografie anschaut: Wenn man der Bildungsdirektion glauben darf, etwa die Hälfte!

Früher Sprachbeginn
Immer wieder hört man das Hohelied des frühen Sprachbeginns. Dazu Prof. Dr. Gerhard Steiner, Ordinarius für Lernpsychologie an der Universität Basel: "Dass Expertentum früh gefördert werden muss, ist richtig. Ebenso richtig und wichtig ist aber, dass diese Förderung mit hoher Intensität erfolgt. Diese ist auch ein Kriterium für einen frühen Fremdsprachenunterricht."

Auch Stern pocht auf die Intensität: "Damit sich beim Frühbeginn Vorteile ergeben, muss der Unterricht in der L2 [erste Fremdsprache] eine hohe Intensität aufweisen." Und Wachter zieht dazu den Schluss: "Genau diese Voraussetzung ist bei den wöchentlich zwei Lektionen Immersion (plus zwei Stunden Unterricht in der 4. Klasse) nämlich eindeutig nicht gegeben."

Stern ferner: "Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass Beginner in der 3. Klasse jüngere Beginner schon nach ca. 2 Jahren einholen, bei entsprechender Intensität des Unterrichts und gleicher Lektionenzahl." Dazu Wachter: "Daraus ergibt sich ohne weiteres, dass der möglichst frühe Beginn keineswegs für automatisch grösseren Erfolg bürgt."

Immersion
Ein Zürcher Wunderkind bleibt offenbar nach wie vor die Immersion, auf welche die Pädagogische Hochschule Zürich trotz des gescheiterten Projekts 21 auch künftig setzt. Zweifel an diesem Wunder ergeben sich bereits aus Sterns Aussage, ein Immersionsanteil (CLIL) von 25 % werde bei immersiven Unterrichtsmodellen als minimal eingeschätzt. Wachter dazu vielsagend: "Damit drückt Stern nämlich (durch die Blume) aus, dass die 2 Lektionen pro Woche (ca. 7 % des Unterrichts) für einen erfolgreichen CLIL-Unterricht hoffnungslos zu wenig sind."

Gravierend bei der projektierten Immersion in Realien ist, dass dadurch plötzlich dem Deutsch das dringend benötigte Immersionsgefäss fehlt, dass die simplifiziert erteilten Realfächer inhaltlich verarmen und dass die spontane Begegnung mit den Realienthemen zu kurz kommt. Manch einem sprachlich schwächeren Schüler wird damit auch noch die Freude an seinen Realien genommen.

Deutsch - für uns bereits eine Fremdsprache!
Die Lehrerverbände fordern seit PISA absolute Priorität für Deutsch. Diese würde durch zwei Fremdsprachen zur Illusion.

Prof. Steiner von der Universität Basel warnt, dass mit dem frühen Fremdsprachenunterricht die "dringend" benötigte Zeit für das Deutsch fehle: "Präzise zu sagen, was man denkt, muss erlernt werden" und erfordere viel Übung über längere Zeitphasen hinweg und in hoher Dichte. "Ressourcen ausgerechnet der Muttersprache wegzunehmen, ist unklug, denn ein guter Teil unseres Denkens wird (mutter)sprachlich kodiert, und entsprechende Defizite schlagen sich unmittelbar im Denken, im Problemlösen und in der sozialen Interaktion nieder."

Prof. Wachter, Universität Basel, macht darauf aufmerksam, dass unsere hochdeutsche Schrift- und Standardsprache eine Fremdsprache sei, welche "die meisten unserer Kinder in den ersten Schuljahren mühsam erlernen müssen." Er lastet Prof. Stern zentral an, dass er dieses Problem völlig ausklammere: "Dies reduziert die Glaubwürdigkeit seines Gutachtens erheblich."

Mit Deutsch als Fremdsprache, meint Wachter, sei das Experiment von immersivem Frühenglisch "in Sachen Risiko am besten mit Russisch Roulette zu vergleichen ...; vom Vorhaben, noch eine Fremdsprache in der Primarschule zu beginnen, ganz zu schweigen!"

Fazit
All das Vorgebrachte zeigt, dass von der Zürcher Bildungsdirektion, den Lehrerverbänden und der EDK noch sehr viele Fragen zu beantworten sind. Die Abklärung kommt vor der Einführung - dies ist die einzig verantwortbare Reihenfolge! Der August 2005 ist deshalb nicht realistisch, und zwingend schon gar nicht.

Prof. Wachter kommt zur abschliessenden Feststellung, dass "eine Abstützung des Entscheids des Bildungsrats und der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich vom März 2003, in der Primarschule zwei weitere Fremdsprachen (nebst Hochdeutsch) einzuführen, auf Sterns Gutachten ungerechtfertigt war."

Dies entspricht der Forderung der Zürcher Schulsynode (Okt. 2003): "Die Lehrerschaft fordert den Bildungsrat auf, auf seinen Beschluss zurückzukommen."


Rolf Saurenmann, Männedorf
Pressegruppe SekZH

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