Frühenglisch
oder Frühfranzösisch?
Gedanken von Prof. Dr. Gerhard
Steiner* zu den Positionsbezügen von Erziehungsdirektoren in der NZZ Nr. 225
vom 27. September 2000.
Die Diskussion, welche
Fremdsprache in einem Frühsprachunterricht den Kindern der Schweizer
Primarschulen vermittelt werden soll, ist in vollem Gange. Bevor über die eine
oder andere Fremdsprache als die "richtige" entschieden wird, lohnen sich
ein paar Überlegungen grundsätzlicher Art zum Früh(fremd)sprachenunterricht.
(1) Zielsetzungen und ihre Implikationen
(2) Bedingungen, die ein früher Fremdsprachenunterricht erfüllen muss
Wenn ein früher
Fremdsprachenunterricht in den ersten Primarschulklassen überdauernde und
qualitativ hoch stehende Lernerfolge bringen soll, müssen die folgenden
Bedingungen erfüllt sein: minimale Unterrichtsdichte
zur Sicherstellung der mentalen Verankerung der gelernten Fertigkeiten, Verbindlichkeit der Lernprozesse zur
Vermeidung von Oberflächlichkeit, entwicklungsangemessene
Curricula und eine solide didaktische
Ausbildung der Lehrkräfte.
Minimale Unterrichtsdichte
Nun aber zeigt
die oben erwähnte Novizen-Experten-Forschung deutlich, dass es nicht der frühe
Zeitpunkt allein ist, der einen Lernenden zum späteren Könner macht, sondern
auch die Dichte der entsprechenden
Lernprozesse, vor allem die Dichte des intensiven Übens in vielfältigen
Variationen. Hier wäre also eine zeitliche Konzentration nötig, die durch zwei
Unterrichtsstunden (von denen ein bemerkenswerter Teil dann ohnehin aus den
verschiedensten Gründen im Laufe des Schuljahres ausfällt) nicht gewährleistet
werden kann. Somit wird ein Erfolg mangels Konzentration von Ressourcen
fragwürdig. Es ist doch wohl nicht anzunehmen, dass das Sprachlabor
ausgerechnet mit dieser sehr jungen Schülerpopulation eine Renaissance erleben
wird.
Verbindlichkeit der Lernprozesse
Der Unterricht
muss im Weiteren eine lernpsychologisch vertretbare Verbindlichkeit aufweisen.
Verbindlichkeit meint in erster Linie Zielbezogenheit. Nun geht man sicher
nicht fehl in der Annahme, dass es sich beim Frühsprachenunterricht um einen so
genannt "entwicklungsangemessenen" und daher wohl lustbetonten Unterricht handeln wird. Dabei ist
eines sicher: der Leistungsdruck muss von allem Anfang an vermieden werden. Und
der Leistungsdruck beginnt bekanntlich dort, wo man ein Kind darauf aufmerksam
macht, dass das, was es soeben gesagt hat, falsch ist und korrigiert werden
muss, oder dort wo der Lehrer verlangt, dass das, was soeben richtig gesagt
worden ist, zum besseren Behalten gerade noch einmal gesagt werden soll (das
ist drillverdächtig). Wird diesbezüglich nicht deutlich Gegensteuer gegeben, ist
vorauszusehen, dass der Unterricht unverbindlich bleibt und damit ineffizient
wird. Die Folge ist eine doppelte: (a) wird so der Mittelmässigkeit Vorschub
geleistet und (b) bauen sich früh schon ausgeprägte interindividuelle
Unterschiede in den erworbenen Fähigkeiten der verschiedenen Schüler auf,
genau das, was man ja offensichtlich nicht will, denn angepeilt wird doch ein
"egalitärer Aspekt" des frühen Fremdsprachenunterrichts, wie
Ständerat Carlo Schmid, Erziehungsdirektor des Kantons Appenzell Innerrhoden,
sagt (NZZ vom 27.09.2000).
Entwicklungsgerechte Curricula
Die Curricula
müssen tatsächlich dem Entwicklungsstand der Schüler angemessen sein, denn die
didaktische Grundregel, die Schüler dort abzuholen, wo sie mit ihrem Vorwissen
stehen, ist korrekt. Darüber aber, was das heisst, weiss niemand so recht
Bescheid und zwar deshalb nicht, weil sich weder die individuellen noch die
Umweltparameter dieser Entwicklung leicht bestimmen lassen, und wenn, dann
treten in erster Linie die zu Beginn schon grossen Entwicklungsunterschiede hervor.
Welches Niveau ist dann für den Sprachunterricht das jeweils entwicklungsadäquate?
Ich kenne keinen Lehrgang für entwicklungsgerechten frühen Fremdsprachenerwerb,
den man von der Stange nehmen und erst noch differenziert einsetzen könnte. Der
Aufbau eines solchen müsste im Rahmen von längsschnittlichen Forschungs- und
Entwicklungsprojekten elaboriert und evaluiert werden. Das ist ein
zeitaufwändiges und sehr teures, wenn auch langfristig lohnendes Unternehmen.
Wer das nicht will oder kann, oder wem
das – um eines raschen bildungspolitischen Erfolges Willen – zu langsam geht,
ist auf Handgestricktes verwiesen mit entsprechenden Ergebnissen.
Didaktisch adäquate Lehrerausbildung
Die didaktische Lehrerausbildung für einen Frühsprachenunterricht
ist noch bei weitem nicht geleistet (und auch nicht finanziert). Neben soliden
Sprachkenntnissen (vor allem im Gebrauch der Umgangssprache, nicht der
Literatur) braucht es auch die lern- und instruktionspsychologischen
Kenntnisse, die jemanden befähigen, bei einer grossen Gruppe von Kindern (es
geht ja nicht um kleine Lerndyaden, wie beispielsweise Mutter und Kind sie
darstellen) Fremdspracherwerbsprozesse auszulösen, sie aufrecht zu erhalten und
zu einem (kontrollierbaren) Abschluss zu bringen. Soweit ich die Schweizer
Verhältnisse überblicke, sehe ich die Experten noch nicht, die diese
Lehrerweiterbildungsarbeit auf Abruf kompetent realisieren könnten.
Wenn man ferner davon ausgehen
kann, dass der Fremdsprachenunterricht vor allem ein mündlicher ist, braucht es
überdies eine ausserordentlich hoch entwickelte Fähigkeit der Lehrkraft, eine
Klassenorganisation mit entsprechender Disziplin zu garantieren, die
sicherstellt, dass die Kinder die entscheidenden mündlichen Äusserungen
akustisch (ohne permanenten Geräuschpegel) auch wirklich differenziert genug wahrnehmen
und kontrolliert nachahmen können! Können solche Voraussetzungen nicht erfüllt
werden, helfen sprachdidaktische Bemühungen wenig.
(3) Pädagogische
Kosten eines frühen Fremdsprachenunterrichts
Wer sich für eine Sache entscheidet, muss zwangsläufig auf anderes
verzichten. Es stellt sich also die Frage nach der Schwerpunktsetzung bzw. nach
dem Preis, den die Einführung des frühen Fremdsprachenunterrichts hat. Sicher
ist, dass der Fremdsprachenunterricht Ressourcen kostet, die anderweitig
fehlen.
Der Gewinn aus einem Unternehmen
«Frühenglisch» oder «Frühfranzösisch» wird enttäuschend sein. Es würde sich
lohnen, noch einmal über die Bücher zu gehen, bevor die kantonalen oder gar
nationalen Weichen gestellt werden.
*Prof. Dr. Gerhard Steiner,
Institut für Psychologie der Universität Basel. Bernoullistrassse 16, CH-4056
Basel Tel +41 (0)612673528, Fax. +41 (0)612673526; e-mail; gerhard.steiner@unibas.ch
Der Verfasser ist seit 1977 Ordinarius
für Psychologie und Vorsteher der Abteilung «Entwicklung und Lernen" am
Psychologischen Institut der Universität Basel. Er stand von 1958 – 71 im
Basler Schuldienst.
Nachtrag zum immersiven Sprachunterricht
In der NZZ vom 21.Oktober 2000
wurde nochmals auf den Frühsprachenunterricht eingegangen und die Methode der
Immersion vertreten. Diese Methode will die Situation des Mutterspracherwerbs
simulieren und die Kinder möglichst natürlich in verschiedenen
Lebenssituationen (sprich: Fächern) mit der neuen Sprache in Beziehung bringen.
Es gibt allerdings ein paar Unterschiede zwischen dem Mutterspracherwerb, der
aus erkenntnispsychologischen Gründen etwas absolut Einmaliges ist, und dem
Fremdspracherwerb: (1) die Dichte der Ko-Konstruktion der sprachlichen
Fähigkeiten bzw. der ersten sprachlich-symbolischen Repräsentationen in der
kognitiven Entwicklung des Kindes, (2) die Dichte des tutoralen Feedbacks, (3)
die Natürlichkeit der Situation und (4) die erstaunliche Korrektheit des
sprachlichen Regelsystems.
Zu (1)
Wenn man bedenkt, in welcher
Dichte der Spracherwerb über welche Zeit hinweg erfolgt, so wird klar, dass die
vom Kind in einem ko-konstruktiven Prozess aufgebauten Sprach- und
Sprechfähigkeiten die Bedingungen für eine erworbene Expertise erlangen. Die
wesentliche Dichte dieser Prozesse übertrifft eine mögliche Dichte in einem
Unterricht um Zehnerpotenzen. Das ist der entscheidende Punkt für ein
nachhaltiges Lernen.
Zu (2)
Dasselbe gilt für die Rückmeldungen, die das Kleinkind beim Spracherwerb von
elterlicher oder geschwisterlicher Seite erhält. Die erste Art der Rückmeldung
liegt darin, dass das Kleinkind mit seinen sprachlichen Aktivitäten etwas erreicht:
vom nachgeahmt werden (die Erwachsenen spielen das Lallen oder andere Laute
zurück) bis zum Erreichen von angestrebten Zielen. Ferner gibt es massivste
emotionale Rückmeldungen auf die ersten und alle folgenden verbalen
Formulierungen, und drittens gibt es korrigierende Rückmeldungen, die sehr
rasch zu einem Verbessern von Unkorrektheiten führen. Darauf komme ich unter
(4) zurück.
Zu (3)
Im weiteren ist das Versprachlichen der eigenen Umwelt, vor allem aber von
Handlungen beim Erwerb der Muttersprache etwas völlig Natürliches. Ganz im Gegensatz
zur schulischen Unterrichtssituation. Es wird wohl niemand von Natürlichkeit
sprechen wollen, wenn die Lehrkraft im Turnunterricht, im Singen oder Werken
(oder gar in der Mathematik) auf einmal in der Fremdsprache zu reden beginnt.
Zu ( 4 )
Man will jetzt betont die
Perfektion aufgeben. Die Schüler sollen Fehler machen dürfen. Das Stichwort
"Fehlerkultur" der Betriebsführung schwingt hier irgendwie mit. Nun
ist aber der Mutterspracherwerb, auf den sich die Sprachpädagogen ja beziehen,
durch eine erstaunliche Korrektheit gekennzeichnet, wenn man die Dichte des
Sprechens ins Auge fasst: Zwar machen die Kinder beim Spracherwerb Fehler, aber
erstens nur relativ wenige und zweitens sehr systematische (etwa
Übergeneralisierungen wie "Ich habe gesingt" statt
"gesungen", wie eben die starken Vergangenheitsformen bei den Verben
nicht nach dem bekannten Schema laufen). Diese korrigieren sich auf Grund des Feedbacks
durch die Umwelt sehr schnell aus. Fehler im Unterricht stehen zu lassen ist
nicht einfach Grosszügigkeit dem
lernenden Kind gegenüber, sondern auch die Vorprogrammierung mühsamer
späterer Korrekturen. Freilich können Kinder durch Beobachten anderer ihre
Fehler korrigieren (das tut das Kleinkind auch, und erst noch in hohem Masse).
Das Ziel der Perfektion aber leichtfertig aufzugeben halte ich für völlig
falsch.
Prof. Dr. Gerhard Steiner,
Institut für Psychologie der Universität Basel. Bernoullistrassse 16, CH-4056
Basel Tel +41 (0)612673528, Fax. +41 (0)612673526; e-mail; gerhard.steiner@unibas.ch
Der Verfasser ist seit 1977 Ordinarius
für Psychologie und Vorsteher der Abteilung «Entwicklung und Lernen" am
Psychologischen Institut der Universität Basel. Er stand von 1958 – 71 im
Basler Schuldienst.