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Nur eine Fremdsprache auf der Primarstufe
Rosmarie Quadranti-Stahel, Schulpflegepräsidentin Volketswil
Ein Satz, den gerade in meiner fortschrittlichen Schulgemeinde
die meisten meiner Schulpflegekolleginnen und -kollegen und der
grösste Teil meiner Lehrerinnen und Lehrer unterschreiben.
Auf der anderen Seite weiss ich von Gutachtern, die aussagen, dass
zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe möglich sind und ich
weiss von solchen, die dem gegenüber skeptisch sind und ich
kenne die Antwort der Schulsynode vom Oktober 2003: zwei Fremdsprachen
auf der Primarstufe sind zuviel und die Immersionsmethode wird abgelehnt.
Weshalb nun bin ich als Schulpräsidentin eine
überzeugte Gegnerin einer zweiten Fremdsprache auf der Primarstufe?
Ausgangslage:
- Ich leite eine Schulgemeinde an der rund 1900 Schülerinnen
und Schüler unterrichtet werden.
- Wir haben einen Sozialindex von 1.13
- Im Kanton Zürich sind rund 50 % der Kinder (inkl. DfF) in
Stütz- und Fördermassnahmen, ähnlich in Volketswil.
- Ich kenne die Bedenken eines Grossteils der Lehrerschaft, die
meiner Meinung nach ernst genommen werden müssen, die behaupten,
dass viele Schülerinnen und Schüler damit überfordert
werden.
Begründung:
- Der Bildungsrat teilte im März 03 mit, dass
eine zweite Fremdsprache eingeführt wird und stützt sich
auf ein von der Bildungsdirektion in Auftrag gegebenes Gutachten
worin erwähnt wird, dass "der Erwerb von zwei oder mehreren
Sprachen in natürlichen Lebenssituationen grundsätzlich
kein Problem darstellt". Und für mich aber ebenso wichtig
ein Satz: "Zur Problemstellung, wieweit der Erwerb mehrerer
Sprachen im Rahmen des Unterrichts mit seinen einschränkenden
Rahmenbedingungen möglich ist, stehen noch wenig Forschungsergebnisse
zu Verfügung..."
- Jetzt stellt sich für mich die Frage, was natürliche
Lebenssituationen sind und ob nicht die meisten tätigen Lehrpersonen
sich gegen zwei Fremdsprachen wehren, weil sie die einschränkenden
Rahmenbedingungen der Schule kennen und deshalb auch kein Forschungsresultat
brauchen, sondern einfach wissen, dass Aufwand und Ertrag in keinem
guten Verhältnis sind und vor allem aber auch, weil sie wissen,
dass bei diesen Rahmenbedingungen noch mehr Schülerinnen und
Schüler auf der Strecke bleiben werden.
- Aus meiner Sicht der Dinge sind einschränkende Rahmenbedingungen
der Schule:
| Nur in ganz wenigen Segmenten wird jeweils eine
Fremdsprache "gesprochen". |
| In der Freizeit, auf dem Pausenplatz und zu Hause
treffen Schüler unter Umständen auf eine Unzahl weiterer
Sprachen. Sehr wenig aber auf die in der Schule zu lernenden
Fremdsprachen. |
| Für einen meist nicht unbeachtlichen Teil
der Schülerinnen und Schüler ist das heute gelernte
Frühfranzösisch bereits die zweite oder dritte Fremdsprache.
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| Einschränkend ist der durchschnittliche
Sozialindex von 1.11. im Kanton Zürich? |
| Einschränkend ist, wenn auf Grund von Sparmassnahmen
die durchschnittlichen Schülerzahlen pro Klasse erhöht
werden? |
| Einschränkend werden die ungenügenden
Sprachkenntnisse vieler Lehrerinnen und Lehrer sein für
die Art von gewähltem Unterricht. Auf diesen Umstand hat
auch die Schulsynode hingewiesen. Sie ist klar der Meinung,
dass es dann einer zweisprachigen Matura bedürfte. |
Und folgende Fragen sind für
mich offen:
| Wer kann, will und soll die zusätzlichen
Stützmassnahmen bezahlen, wenn durch diesen Schritt noch
mehr Schüler solche benötigen? |
| Wer kann, will und soll es in die Hand nehmen,
diesem weiteren kopflastigen Fach wirklich auch zum Durchbruch
zu verhelfen, wenn die Realität - der ganze normale Schulalltag
nämlich, mit der ganz normalen Schülerdurchmischung,
mit den ganz normalen Klassengrössen - das nicht schafft? |
| Wer kann, will und soll die Verantwortung übernehmen,
wenn noch mehr Schüler auf Grund ihrer Lebenssituation,
diesem Leistungsdruck nicht mehr standhalten kann und die sprachliche
Überforderung zu einer grundsätzlichen Schulüberforderung
wird? |
| Wer kann, will und muss die Verantwortung übernehmen,
wenn viele Lehrerinnen und Lehrer Recht behalten, und es einfach
zuviel ist? |
| Wer kann und will dafür garantieren: dass
das Einführen einer zweiten Fremdsprache auf der Primarstufe
auch bedeutet, dass man sie nachher auch so beherrscht, dass
sie etwas nützt? |
Müssen wir nicht viel eher und endlich eine Grundsatzdiskussion
führen, was das Ziel der Schule ist, was sie leisten muss,
soll aber auch kann unter Berücksichtigung der heutigen Gesellschaft,
die dazu neigt - so scheint mir mindestens - immer mehr der Schule
anzulasten?
Aus all diesen Überlegungen heraus, wehre ich
mich gegen eine zweite Fremdsprache. Bildungspolitiker und Wissenschaftler
müssen aus ihrer Laborsituation heraus und auch das Leben-
resp. Schulleben mitberücksichtigen, bevor weitere Fächer
hinzukommen. Weshalb können wir nicht einfach für einen
vertieften Spracherwerb nach der obligatorischen Schulzeit einen
Bildungsgutschein abgeben, der den jungen Menschen die Möglichkeit
gibt, die wichtigen Sprachen im entsprechenden Sprachengebiet zu
erlernen. Müsste es der Wissenschaft, den Bildungspolitikern,
sonstigen Politikern und Eltern, Lehrerinnen, Lehrern und Schulbehördemitgliedern
nicht wichtiger sein, dass im heutigen gesellschaftlichen Umfeld,
dass sich auch im Schulalltag widerspiegelt, zuerst die schon bestehenden
Probleme wie ein nicht eben vorzeigemässiges PISA-Resultat
zu lösen? Müssten nicht vorrangig der meiner Meinung nach
zu hohe Anteil an Stütz- und Fördermassnahmen reduziert
werden, bevor ein weiteres, wiederum kopflastiges Fach in zwei Schulstufen
hinzukommt?
Mir liegen die Gesamtheit der Schülerinnen und
Schüler wie auch ein funktionierendes, starkes Schulsystem
zu sehr am Herzen, als dass ich zu einer zweiten Fremdsprache auf
der Primarstufe ja sagen könnte. Ich weiss, dass die Initiative
zu stande kommt und hoffe, dass durch diese auch endlich wieder
mehr Realitätsbezug kommt, der zur Verbesserung der Schweizer-Schulen
führt. Wir gewinnen nämlich nicht, wenn wir einfach mehr
einführen, wir gewinnen nur, wenn wir endlich einmal hinschauen,
was wir tatsächlich machen können und müssen in der
Schule.
Ich sage deshalb Ja zur Schule und Nein zu einer zweiten
Fremdsprache auf der Primarschulstufe. Denn ich bin überzeugt,
auch wenn Sprach- und Neurowissenschaftler rein theoretisch belegen,
dass ein Kind früh mehr als eine Sprache erlernen kann, der
Faktor Mensch zu wenig beachtet wird: soviel ich weiss, besteht
der Mensch nicht nur aus Hirnmasse, sondern entscheidend ist der
Mensch in seiner Gesamtheit und das Umfeld in dem er sich bewegt..
Rosmarie Quadranti-Stahel
Begriffserklärung:
- DfF: Deutsch für Fremdsprachige
- Sozialindex: Ausgehend von einem Sozialindex 1 wird der für
jede Schulgemeinde gültige Sozialindex errechnet, der sich
aus der Arbeitslosenquote, der Ausländerquote, der Quote Wohnungen
in Einfamilienhäusern und Sesshaftigkeitsquote zusammensetzt.
Dieser Index sagt etwas aus über die speziellen Herausforderungen
die eine Gemeinde in der Schule antrifft und hat Einfluss auf die
Anzahl Lehrpersonen die angestellt werden dürfen. Je höher
der Sozialindex, desto anspruchsvoller der Schulalltag, desto mehr
Lehrpersonen sind nötig für den Schulbetrieb.

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