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Bemerkungen zur Volksinitiative von Huldrych Thomann
Prorektor an einer Zürcher Kantonsschule

1) «Comment d'ailleurs se représenter, sous une forme ou une autre, une limite linguistique précise sur un territoire couvert d'un bout à l'autre de dialectes graduellement différenciés? Les délimitations des langues s'y trouvent noyées, comme celles des dialectes, dans les transitions. De même que les dialectes ne sont que des subdivisions arbitraires de la surface totale de la langue, de même la limite qui est censée séparer deux langues ne peut être que conventionnelle.

 

Ferdinand de Saussure, in : Cours de linguistique générale, publié par Charles Bally et Albert Sechehaye, Payot, Paris 1971, 279 (Erstveröffentlichung: 1915).

These 1

Die Grenze zwischen "Dialekten" und "Sprachen" ist fliessend. Angesichts des beträchtlichen Unterschiedes zwischen den schweizerdeutschen Mundarten einerseits und dem Hochdeutschen andererseits darf man vielleicht sagen, dass das Hochdeutsche für die Kinder der deutschen Schweiz fast eine "erste Fremdsprache" darstellt.
Es ist eine gute - aber anspruchsvolle - Zielsetzung, wenn die Zürcher Primarschülerinnen und Primarschüler zusätzlich noch Französisch oder Englisch lernen. Die Meinung hingegen, man könne den Primarschülern neben der sorgfältigen Einführung ins Hochdeutsche nicht nur eine, sondern sogar zwei Fremdsprachen beibringen, ist unrealistisch.

 

2) «Eine Sprache ist unvorstellbar ohne eine sie tragende Sprachgemeinschaft, genau so wie diese nur kraft einer sie formenden und umfassenden Sprache besteht. Von Anfang an, da eine Sprache besteht, gibt es auch eine Sprachgemeinschaft. Zwischen beiden können wir eine gegenseitige Abhängigkeit feststellen. Die Sprachgemeinschaft ist eine der wichtigsten, wohl die wichtigste Grundform aller umfassenden Gemeinschaften; sie vermittelt den Zugang zu den Bereichen des Geistes, der Kultur. Alles was an objektiviertem geistigem Gut in den Werken sprachlicher Form niedergelegt ist, wird uns damit eröffnet; und wir werden eingeladen, unseren Teil dazu beizutragen.
Worauf beruht nun, wie entsteht eine Sprachgemeinschaft? (…) Wir haben gesehen, dass das Leben und die Sprache auf ganz verschiedene Weise von Generation zu Generation weitergegeben werden, das Leben direkt, von Individuum zu Individuum, mit dem ganzen Erbgut, das damit verbunden ist; die Sprache aber auf geistigem Wege, durch die Wirkung der gesamten Umgebung auf den heranwachsenden Menschen. Daher können Menschen ganz anderer Herkunft in eine Sprachgemeinschaft aufgenommen werden und werden es auch tatsächlich.»

 

Walther von Wartburg, in: Einführung in Problematik und Methodik der Sprachwissenschaft, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1970, 218-219 (Erstveröffentlichung: 1943).

These 2

Viele Schülerinnen und Schüler der Zürcher Volksschule haben nicht Deutsch als Muttersprache. Gerade für sie ist es wichtig, dass sie sich in die deutsche Sprache - Mundart und Hochdeutsch - einleben und einfühlen können. Eine qualitativ hochstehende Vermittlung der deutschen Sprache durch die Schule fördert nicht nur die Kinder aus deutschschweizerischen Familien, sondern trägt wesentlich dazu bei, fremdsprachige Kinder kulturell und geistig in ihr hiesiges Lebensumfeld zu integrieren.

 

3) «Es ist (…) ein sehr langer Weg, der von der prä-verbalen Intelligenz bis zum operativen Denken zurückgelegt werden muss, damit die Gruppierungen des Denkens entstehen, und wenn auch zwischen den beiden Extremen eine funktionelle Kontinuität besteht, so ist die Konstruktion einer ganzen Reihe mittlerer Strukturen auf zahlreichen und heterogenen Ebenen unerlässlich."
"Die Sprache übermittelt dem Individuum ein fertiges System von Begriffen, Klassifikationen und Beziehungen, kurz, ein unerschöpfliches Begriffspotential, das in jedem Individuum nach dem jahrhundertealten Vorbild, das schon die vorhergehenden Generationen geformt hat, neu konstruiert wird.»

 

Jean Piaget, in: Psychologie der Intelligenz, Walter Verlag, Olten 1971, 136 bzw. 179 (Erstveröffentlichung: La Psychologie de l'Intelligence, 1947).

These 3

Die Aneignung der Sprache - als eines Systems von Zeichen, Begriffen, Klassifikationen und Beziehungen - spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der menschlichen Intelligenz und Denkfähigkeit. Der Prozess des Spracherwerbs ist lange und komplex; er führt über zahlreiche Zwischenstadien. Es lohnt sich daher - im Interesse der Kinder und im Hinblick auf die Förderung von deren Denkfähigkeit -, für den schulischen Deutsch-Unterricht genug Zeit einzusetzen.

Huldrych Thomann
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(Anmerkung: Hervorhebungen in den Zitaten durch den Zitierenden)
Huldrych Thomann, 14. 1. 2004

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