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Begriffsbildung ernst nehmen
Matthias Hauser, Kantonsrat SVP, Mitglied der ständigen Kommission
für Bildung und Kultur, Sekundarlehrer in Zürich-Seebach
Sehr geehrte Medienleute, Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer
Ich spreche zu Ihnen als Sekundarlehrer A, der seine
Schülerinnen und Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften
unterrichtet.
"Mexiko City liegt auf 2200 m ü. M., in
einem von Vulkanen umgebenen Talkessel. Auf einer Fläche von
1500 km2 leben etwa 20 Millionen Menschen, niemand weiss genau,
wie viele es sind. Die offiziellen Statistiken gehen von 16 Millionen
aus. In dieser Zahl sind aber die am Stadtrand wohnenden Menschen
nicht berücksichtigt. Das jährliche Bevölkerungswachstum
ist in den letzten Jahren von 5% auf2% zurückgegangen. Ein
Drittel davon sind Neuzuzüger vom Land. Zwei Drittel sind auf
den natürlichen Bevölkerungsüberschuss zurückzuführen.
Mexiko City ist das politische, kulturelle und wirtschaftliche Herz
des Landes. Das war es schon zur Zeit der Azteken, die im 14. Jahrhundert
die Stadt unter dem Namen "Tenochtitlan" auf einer Insel
im Lago Texcoco gegründet hatten. Heute ist der See allerdings
verschwunden"
Diesen Textabschnitt habe ich zufällig aus dem
neuen Geographie Lehrmittel "Die Erde, unser Lebensraum"
für die Oberstufe herausgepickt. Die Schüler sollten diesen
Text selber lesen und verstehen können, denn es handelt sich
nur um einen kleinen Abschnitt aus allen Inhalten über Mexiko
City. Sie, als meine sprachgewandten Zuhörerinnen und Zuhörer,
denken nun, dies sei ja kein Problem, weil sie den Text, selbstverständlich,
verstanden haben, als ich ihn vorgelesen habe. In diesem kurzen
Abschnitt kommen aber folgende Dinge vor:
" Die Abkürzungen oder die Zahlenvorstellungen:
m ü.M. km2, , 20 Millionen, von 5% auf 2%
" Die Wörter: umgebenen, Talkessel, offiziellen,
Statistiken, berücksichtigt, jährliches Bevölkerungswachstum,
Neuzuzüger, natürlicher Bevölkerungsüberschuss,
zurückzuführen, politische, kulturelle und wirtschaftliche
Herz, Azteken, 14. Jahrhundert.
Diese Abkürzungen und Zahlenvorstellungen und
die von mir genannten Wörter, sind diejenigen, bei denen meine
Sekundar A Schülerinnen und Schüler Verständnisschwierigkeiten
haben, falls keine speziellen Erklärungen folgen.
Begriffe lernen anstatt Geographie betreiben
Ich kann an meinen Geographieunterricht
verschiedene Ansprüche stellen, der Lehrplan gibt nur wenig
verbindliche Ziele vor. Stelle ich den Anspruch, dass die Schülerinnen
und Schüler die erwähnten Begriffe und Wörter nach
dem Unterricht verstehen und zum Teil anwenden können, bewege
ich mich in der Realität, in dem, was ich heute im Unterricht
innert vernünftiger Zeit (Zeit steht ja nicht unbeschränkt
zur Verfügung) erreiche. Der Begriff "14. Jahrhundert"
beispielsweise: Um ihn für sich beanspruchen zu können,
müssen Sie wissen, ob dies nun die Jahreszahlen 1300 bis 1399
oder 1400 bis 1499 waren, oder 1301 bis 1400 oder 1401 bis 1500.
Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wissen es bestimmt.
Erst wenn die Begriffe "sitzen", kann allenfalls
der höhere Anspruch verwirklicht werden, dass die Schülerinnen
und Schüler Zusammenhängen rund um Mexico City nachgehen,
z.B. untersuchen, weshalb beispielsweise immer mehr Menschen in
die Stadt ziehen. Dies erst dürfte man eigentlich "Geographie
betreiben" nennen, "Einblicke in Zusammenhänge gewinnen"
wie der Lehrplan für das Fach Heimat und Welt so schön
vorgibt und die Methode dazu lernen. Einblicke gewinnen setzt Begriffe
voraus, die nicht nur selbst, sondern auch in ihrer sprachlichen
Abbildung, dem - in diesem Fall - deutschen Wort, bekannt sind.
Was ich hier für das Fach Mensch- und Umwelt
geschildert habe, gilt genauso im Fach Mathematik und in der Geometrie
und in allen anderen Fächern.
In der Geometrie lautet die vierte Aufgabe auf Seite sieben des
Geometriebuches der ersten Sekundarklasse: "Zeichne das Gebilde
in gleicher Anordnung auf kariertes Papier und nachher dessen Spiegelbild.
Wähle dabei verschiedene Farben für das Original und das
Spiegelbild".
Die Schüler hätten mit der Aufgabe nur wenig
Mühe, fragen aber, was "Gebilde" bedeutet, oder was
"Anordnung" heisst, oder ob denn nun das Original- oder
das Spiegelbild vorgegeben sei. Und dass man verschiedene Farben
für das Original- und das Spiegelbild hätte wählen
sollen, überliest ein Viertel der Klasse.
Meine Damen und Herren, die SchülerInnen wären
von ihren Fähigkeiten her Geometrietalente, aber viele haben
ein Sprachproblem. Ein Sprachproblem, welches ich so, als ich selber
noch Sekundarschüler war, bei mir und auch bei meinen damaligen
Klassenkolleginnen und Kollegen niemals festgestellt habe. Ein Sprachproblem,
das von der PISA-Studie bestätigt wurde (Lesefähigkeit,
Verständnis Muttersprache). Ein Sprachproblem, das auch, aber
nicht nur, damit zusammenhängt, dass bei 60 Prozent der Kinder
meiner heutigen Sekundarklasse zu Hause eine andere Muttersprache
als Deutsch gesprochen wird und die Begriffsbildung damit zum grossen
Teil in einer anderen Sprachwelt erfolgt.
Voraussetzungen, um in der
Sekundarstufe kompetent zu lernen
Jugendliche müssen ein breites Spektrum an Begriffen und Sprachverständnis
in die Oberstufe mitnehmen, nicht einfach eine Übersetzungstabelle
im Kopf, nicht einfach nur leere Sprache, nein, erlebte, sinngefüllte
Begriffe. Indem das Wissen wächst, muss auch die Fähigkeit
wachsen, diesem Wissen Ausdruck, also Sprache, zu verleihen. Damit
erst gelingt es, neues, wiederum komplexeres Wissen, aufzunehmen,
denn dieses steckt in einer ihm angebrachten komplexeren sprachlichen
Struktur. Es sind zwei "miteinander verhangene Schienen":
Schritt um Schritt komplexer werdendes Wissen - Begriffe - und daneben
eine Schritt um Schritt komplexer werdende Sprache - Wörter,
Satzstrukturen. Irgendwo in dieser Reihe befindet sich der Text
über Mexiko City. Dieser zeigt, dass die den Begriffen zugeordneten
Deutschen Wörter für das Textverständnis zwingend
benötigt, werden. Oft werden mit zunehmender Komplexität
auch die Sätze und Nebensätze, die Bezüge und Verschachtelungen
komplizierter, für untrainierte Leserinnen und Leser zuweilen
unverständlich.
Begriffsbildung in einer anderen Sprache bedeutet, dass das damit
verhangene Komplexer-werden der Deutschen Sprache vermehrt verpasst
wird, und unsere Schülerinnen und Schüler zwar Begriffe
aufbauen - übrigens weniger gut, da eben auch dieser Aufbau
sprachabhängig ist - aber keine deutschen Worte dazu und damit
damit die Fähigkeit verlieren, mit dem Text über Mexico
City etwas anzufangen.
Die Immersion
Neu soll in der Primarschule, ginge es nach dem Regierungsrat, der
Kantonsratsmehrheit und den Theoretikern der Pädagogischen
Hochschule, der sogenannte "immersive" Unterricht eingeführt
werden, bei dem Fächer wie Realien teilweise auf Englisch unterrichtet
werden sollen. Man will damit den Schülerinnen und Schülern
Realien und Englisch auf einmal beibringen. Ein Kommentar meinerseits
dazu erübrigt sich nach den vorherigen Ausführungen.
In der Kommission für Bildung und Kultur haben
wir zum Thema Spracherwerb in diesem Herbst ein Hearing durchgeführt.
Wir befragten unter anderen einen Sprachwissenschafter - ein Dr.
Sprachdidaktiker der Pädagogischen Hochschule - der den Erwerb
einer zweiten Fremdsprache empfahl.
Zwei seiner Aussagen habe ich besonders gespeichert.
Erstens sei heute "kommunikative Kompetenz" wichtiger,
als die Wörter. Zweitens spiele es keine grosse Rolle, in welcher
Sprache die Begriffe gelernt werden.
Meine Damen und Herren, wenn die Kinder so in die
Sekundarstufe übertreten, wie es der befragte Sprachdidaktiker
verlangt, mit kommunikativer Kompetenz und drei Sprachen ein bisschen
im Ohr, anstatt Wortverständnis in Deutsch, dann müssen
die Lernziele der Oberstufe auch in den nicht Sprachfächern
nach unten angepasst werden.
Die praxisferne der Sprachdidaktiker verschlägt
dem Didaktiker in der Praxis die Sprache.
Matthias Hauser

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