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"Nur eine Fremdsprache in der Primarschule"
Aus kinder- und schulärztlicher Sicht:

Im kinderärztlichen Alltag treten die somatischen (körperlichen) Leiden unserer Schulkinder immer mehr in den Hintergrund, und wir müssen uns je länger je mehr mit ihren psychosozialen Stressfaktoren auseinander setzen.

Auf der einen Seite finden wir die intelligenten, lernfreudigen, wissenshungrigen, sprachbegabten Kinder, welche sich freuen, wenn sie künftig neben den bereits jetzt gestellten Anforderungen noch mit einer zusätzlichen Fremdsprache gefordert werden. Auch diese Kinder kommen in unsere Sprechstunde, wenn sie geistig nicht genügend gefüttert werden. Diese Fälle aber sind selten und nötige Massnahmen wie zusätzlicher Musikunterricht, Sport oder Engagement in Jugendvereinen werden meist spontan von den Eltern in die Wege geleitet.

Auf der andern Seite, und dies ist der viel grössere Teil, sind wir mit all jenen Kindern beschäftigt, die bereits jetzt mit den heutigen Anforderungen und all den vielen äusseren Einflüssen gestresst, ja überfordert sind. Neben den vielen Ausländerkindern, bei welchen bereits das Deutsch eine echte Fremdsprache darstellt, wissen wir, dass auch bei den Schweizern die deutsche Sprache nur noch mangelhaft beherrscht wird. Man wird sich fragen, was dies mit einer kinder- und jugendärztlichen Sprechstunde zu tun hat. Leider bei den Jugendlichen sehr viel. Die Depressionen, und damit auch die Suizide, nahmen in den letzten Jahren deutlich zu und betrafen insbesondere jene Jugendliche, die keine Lehrstelle fanden. Eine Lehrstelle zu finden ist heute für diejenigen sehr schwer, die kein fehlerfreies Bewerbungsschreiben machen können.

Mit der Kopflastigkeit unserer Schule und insbesondere mit einer zusätzlichen Fremdsprache benachteiligen wir aber auch all jene Schüler, welche wegen Konzentrationsstörungen, wegen sprachlichen Teilleistungsstörungen (z.B. die nicht seltene Legasthenie) oder allgemeinen Schulproblemen ein Handwerk erlernen wollen. Wir haben in der Primarschule nicht mehr die Zeit, um ihr manuelles Handeln und Geschick zu erlernen und zu fördern. Nicht selten müssen wir Ärzte dann als Ersatz Graphomotorik oder Ergotherapie verordnen.

Wir wissen auch, dass man viele Kinder mit dem Fach "Mensch und Umwelt" begeistern kann. Es gelingt diesen Kindern oft, sich dort mit einer guten Note bestätigen zu können. Dadurch gewinnen sie ihr Selbstvertrauen zurück, das ihnen sonst in der Schule vielleicht abhanden gekommen ist. Wird dieses Fach nun aber in einer Fremdsprache gelehrt, so werden diese Kinder auch hier unbeteiligt da sitzen und interesselos das Ende der Schulstunde abwarten. Die Schere zwischen begabten und weniger begabten Kindern wird weiter auseinander gehen. Die Frustration, der Stress und die damit verbundenen psychosomatischen Leiden werden zunehmen. Der Bedarf an ärztlichen Konsultationen, an Therapien und an Medikamenten wird steigen.

Dr. med. Hannes Geiges, Rüti

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