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Gesellschafts- und staatspolitischer Teil
Samuel Ramseyer, Kantonsrat SVP
Bereits im Rahmen des Abstimmungskampfes zum Volksschulgesetz
im November / Dezember 2002 war eines der ausschlaggebenden Argumente
das fehlende Gesamtsprachenkonzept.
Leider haben es bis heute weder die Bildungsdirektion
noch der Bildungsrat fertig gebracht, ein solches vorzulegen. Auch
im Rahmen der aktuellen Beratungen im Zusammenhang mit der zweiten
Auflage des Volksschulgesetzes liegt aus unserer Sicht kein ernstzunehmendes
Sprachenkonzept vor.
Der Entscheid des Bildungsrates und der Bildungsdirektorin
Frühenglisch zusätzlich zum Frühfranzösisch
ab August 2005 flächendeckend einzuführen gegen den Willen
eines Grossteils der Lehrpersonen, stösst bei unserer Arbeitsgruppe
auf Unverständnis. Dies umso mehr, da die wissenschaftliche
Grundlage für diesen Entscheid offenbar äusserst dürftig
ist. Dieser stützt sich nämlich einzig auf ein Gutachten
von Professor Dr. Otto Stern von der Pädagogischen Hochschule
Zürich. Dieses Gutachten hält bereits im Eingang fest,
dass aussagekräftige Daten zur Machbarkeit einer zweiten Fremdsprache
fehlen und die Forschungslage in diesem Bereich (noch) sehr dürftig
ist
Aus wissenschaftlicher Sicht
Entsprechend kritisch äussern sich demnach auch Kapazitäten
auf diesem Gebiet:
Ein Erfolgsfaktor ist nach Professor Dr. Gerhard
Steiner, Ordinarius für Psychologie und Vorsteher der Abteilung
"Entwicklung und Lernen" am Psychologischen Institut der
Universität Basel, die Förderung mit hoher Intensität.
Sogar Stern pocht in seinem Gutachten auf Intensität:
"Damit sich beim Frühbeginn Vorteile ergeben, muss der
Unterricht in den Fremdsprachen eine hohe Intensität aufweisen."
Professor Dr. Rudolf Wachter, Sprachwissenschaftler an den
Universitäten Basel und Freiburg i.Ü. zieht dazu den Schluss:
"Genau diese Voraussetzung ist bei den wöchentlich zwei
Lektionen Immersion, plus zwei Stunden Unterricht in der 4. Klasse
eindeutig nicht gegeben."
Mit Immersion wird auf Englisch erteilter Unterricht
in anderen Fächern wie Naturkunde, Geschichte oder Geografie
bezeichnet. Dabei wird zum Beispiel versucht, das Emmentaler Bauernhaus
oder die Entwicklung des Frosches auf Englisch durchzunehmen. Am
Ende beherrschen die Schülerinnen und Schüler weder Naturkunde
noch Alltagsenglisch. Durch den immersiven Unterricht werden jene
Fächern bedeutungslos, die den Schülern und Schülerinnen
den Bezug zu unserer Geschichte, zur unserer Natur und zu unserer
Geographie ermöglichen. Die Idee einem 6. Klässer zum
Beispiel den Einblick in die Wetterkunde auf Englisch oder Französisch
zu verschaffen, scheint uns verwegen. Überfordert wären
nicht nur die Schüler sondern auch die Lehrkräfte.
Steiner führt gesamthaft vier Bedingungen
an, die ein früher Fremdsprachenunterricht in den ersten Primarschulklassen
erfüllen muss, um überdauernde und qualitativ hoch stehende
Lernerfolge zu bringen: " minimale Unterrichtsdichte zur Sicherstellung
der mentalen Verankerung der gelernten Fertigkeiten, Verbindlichkeit
der Lernprozesse zur Vermeidung von Oberflächlichkeit, entwicklungsangemessene
Curricula und eine solide didaktische Ausbildung der Lehrkräfte.
Wachter führt in der NZZ am Sonntag vom 6. April 2003
dieselben Bedingungen an.
Einzig Prof. Dr. Iwar Werlen, Linguist an der
Universität Bern, äusserte kürzlich in einem offenen
Gespräch uns gegenüber, seiner Meinung nach seien zwei
Fremdsprachen an der Primarschule keine Überforderung. Auf
die Frage, wie er sich als Wissenschafter erkläre, dass die
Praktiker eines ganzen Kantons, die Zürcher Schulsynode nämlich,
dies als eine Überforderung ansehen, kam auch er auf die Bedingungen
zu sprechen, die dafür erfüllt sein müssten. Und
eben diese Bedingungen sind in der Schulrealität nicht erfüllt.
Es scheint also, dass einmal mehr Politiker und Bildungsfachleute
im Elfenbeinturm, weit ab von der schulischen Realität, darüber
entscheiden, was Lehrkräften und Schülern zumutbar ist.
Es entsteht der Eindruck, dass sich diese Entscheide mehr an den
erwachsenen Wünschen und Bedürfnissen orientieren, als
an jenen der betroffenen Schülerinnen und Schüler. Unsere
Arbeitsgruppe hat aus diesem Grund Professor Dr. Rudolf Wachter
um eine Stellungnahme gebeten zum Gutachten von Dr. Otto Stern.
Diese Stellungnahme werden wir Ihnen in den nächsten Tagen
zustellen.
Aus gesellschafts- und staatspolitischer Optik ergeben
sich aus unserer Sicht Konsequenzen, die eine zweite Fremdsprache
an der Primarschule ausschliessen.
Für uns Initianten führen zwei Fremdsprachen
an der Primarschule zu einer Überforderung sowohl der Lehrkräfte
als auch der Schülerinnen und Schüler. Diese ergibt sich
aber nicht nur aus der Mehrsprachigkeit allein, sondern ist kumulativ
verbunden mit weiteren sprachlichen Belastungsfaktoren, wie frühem
Sprachbeginn, beabsichtigter Immersion und der alarmierenden Deutschsituation.
Diese und weitere Faktoren wie übriger Fächerkanon, delegierte
Erziehungsprobleme, Ausländeranteil usw., führt die Zürcher
Schulsynode im Oktober 2003 dazu, zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe
abzulehnen. Sie befürchtet, dass sich mit dem Frühenglisch
die Schere zwischen schwachen und starken Schülern noch mehr
und früher öffnet.
Die Bedenken der Lehrerschaft
ernst nehmen
Die Lehrerschaft ist ein bedeutender Teil unserer Gesellschaft.
Nicht von der Anzahl her gesehen, sondern von der Aufgabe her, die
sie für diese zu erfüllen haben. Ist es klug und vertretbar,
ein Sprachenkonzept gegen den Willen jener durch zu zwängen,
die es letztlich erfolgreich umsetzen sollen? Wenn wir uns schon
hinter Fachleuten verschanzen, sollten wir deren Meinung auch ernst
nehmen. Und sollten wir uns nicht fragen, weshalb die Mehrheit der
Fachleute - also derer, die tagtäglich mit Schülern arbeiten
- weshalb diese zum Schluss kommen, dass zwei Fremdsprachen auf
Primarschulstufe nicht machbar sind? Ist es nicht etwas einfach
dies damit zu erklären, die Lehrerschaft sei eben keine besonders
innovationsfreudige Spezies? Wir wollen, dass unsere Lehrkräfte
auch in Zukunft die notwendige Zeit haben, um sich mit den wesentlichen
Lerninhalten aller Fächern befassen können.
Aus staatspolitischer Sicht stellt sich nun noch die
Frage, welches die erste Fremdsprache sein soll. In der Romandie
beginnen die Schüler und Schülerinnen recht früh
mit dem Erlernen der deutschen Sprache. Allerdings hält sich
die Bereitschaft unserer französisch sprechenden Nachbarn die
deutsche Sprache auch anzuwenden in Grenzen. Diese Erfahrung machen
alle, die sich ab und zu in der Romandie aufhalten. Auf jeden Fall
ist sicher zu stellen, dass Französisch als Fremdsprache mindestens
so ernsthaft eingeführt wird, wie das heute auf der Sekundarstufe
geschieht. Die Arbeitsgemeinschaft für praxisorientierte Schulreform
überlässt den Entscheid, welche der beiden Sprachen als
erste eingeführt wird, bewusst den Verantwortlichen im Bildungsrat
und in der Politik.
Im Initiativkomitee wurde die Frage allerdings eingehend
diskutiert. Anfänglich herrschte die Meinung vor, dass der
französischen Sprache unbedingt der Vorzug zu geben sei. Im
Verlauf der erweiterten Meinungsbildung setzte sich die Auffassung
durch, dass sich der staatspolitische Schaden in Grenzen halten
würde, welcher sich durch die Bevorzugung des Englischen als
erste Fremdsprache ergeben könnte. Ein wichtiges Signal wäre
auf jeden Fall, wie das Lernen der französischen Sprache im
Lehrplan verankert und welches Gewicht dieser Sprache auch künftig
zugemessen wird.
Englisch wird auf jeden Fall für alle jungen
Menschen, ungeachtet ihrer Muttersprache zunehmend an Bedeutung
gewinnen. Diese Erkenntnis führt uns zwingend zu einem Vorschlag,
der Englisch als erste Fremdsprache vorsieht.
Samuel Ramseyer, Kantonsrat SVP

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