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Seriöse Schwerpunktsetzung im Sprachenunterricht
Urs P. Loosli, Präsident Sekundarlehrkräfte des Kantons
Zürich (SekZH)
Sicht der Oberstufe
Die Einführung einer zweiten Fremdsprache an der Primarschule
hätte auch für die Oberstufe schwerwiegende Konsequenzen.
Aus diesem Grund fordern die SekZH seit Jahren ein Sprachenkonzept
für die gesamte Volksschule, welches in erster Linie die Sicherung
der Sprachqualität zum Ziel hat. Dieses Konzept soll einem
soliden Deutschunterricht Priorität einräumen, dem Erlernen
von Fremdsprachen die nötigen Zeitgefässe zur Verfügung
stellen, verbindliche Lernziele verlangen sowie auf die Ausgewogenheit
der einzelnen Unterrichtsfächer Rücksicht nehmen. Eine
Konsequenz dieser pädagogischen Anliegen gipfelt in der Erkenntnis,
dass zwei Fremdsprachen an der Primarschule zuviel sind. Zum gleichen
Schluss kam im Oktober 2003 die Zürcher Schulsynode mit ihren
Begutachtungsresultaten aus allen 23 Schulkapiteln.
Chronologie der Ereignisse,
die zur Volksinitiative führten
Unter dem Leitmotiv "Sprachqualität - so heisst die Gretchenfrage!"
waren bereits Lehrerverbände und politische Gruppierungen in
der Sprachenfrage sehr aktiv. Die folgenden Beispiele von wichtigen
Vorstössen illustrieren eindrücklich die Vorgeschichte
dieser Initiative.
Schon im Mai 2001 ersuchten die SekZH (Sekundarlehrkräfte des
Kantons Zürich) in einem Brief den Präsidenten der EDK,
Herrn Regierungsrat Stöckling, St. Gallen, um eine "Denkpause
für Qualitätssicherung" im Fremdsprachenunterricht.
Im gleichen Monat wiesen die SekZH in einem weiteren Schreiben an
alle 26 Mitglieder der EDK darauf hin, dass zwei Fremdsprachen an
der Primarschule zu viel seien. Wichtig sei die Abklärung der
Rahmenbedingungen für einen qualifizierten Fremdsprachenunterricht
und vorerst nicht die Frage, welches die Einstiegssprache zu sein
habe. Im August des gleichen Jahres wurden die Mitglieder der kantonsrätlichen
Kommission für Bildung und Kultur aufgefordert, bei der Vorberatung
des neuen Volksschulgesetzes dafür zu sorgen, dass bei der
obligatorischen Einführung einer frühen Fremdsprache das
Gesamtsprachenkonzept, die Gesamtbelastung von Schülerschaft
und Schule sowie der Gesamtfächerkanon berücksichtigt
werden. Im Oktober 2001 informierten die SekZH zudem die Deutschschweizer
Medien über die Absicht der Zürcher Bildungsdirektion,
ungeachtet der nicht überzeugenden Zwischenevaluation des Frühenglisch-Projektes
möglichst rasch eine zweite Fremdsprache an der Primarschule
einführen zu wollen.
In Form eines Flyers und eines Begleitbriefes informierten im Frühjahr
2002 die SekZH und die ZKM (Zürcher Kantonale Mittelstufenkonferenz)
gemeinsam alle Lehrkräfte der Zürcher Volksschule, alle
Schulpflegen des Kantons Zürich, alle EDK-Mitglieder sowie
Bildungsfachleute und Medien der ganzen Schweiz über die Fremdsprachenproblematik.
Nach den PISA-Resultaten sei einem soliden Deutschunterricht auf
allen Schulstufen Priorität einzuräumen, daher dürfe
das Sprachfuder mit einer zweiten Fremdsprache an der Primarschule
nicht überladen werden. Kurz darauf schloss sich auch der ZLV
(Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband) unserer Forderung,
auf eine zweite Fremdsprachen an der Primarschule sei zu verzichten,
an. Im März 2003 schliesslich unterzeichneten die SekZH und
die ZKM zusammen mit politischen Gegnern des Volksschulgesetzes
einen Brief an den Zürcher Bildungsrat mit der Aufforderung,
auf seinen Frühenglischbeschluss vom 14. März 2003 zurückzukommen.
Ungeachtet all dieser Vorstösse und Warnrufe halten Zürcher
Bildungsrat und Bildungsdirektion an zwei Fremdsprachen an der Primarschule
und der flächendeckenden Einführung des geplanten Frühenglisch
ab August 2005 fest. Auf dieses Ansinnen antworten wir nun mit der
Volksinitiative.
Ziele der Initiative
Die Initiative stellt die Interessen unserer Kinder und Jugendlichen,
deren bestmögliche Ausbildung und Vorbereitung auf Mittel-
und Berufsschulen in den Vordergrund. Selbstverständlich müssen
aber in diesem Zusammenhang auch staats- und gesellschaftspolitische
Aspekte mit einbezogen werden. Einerseits verlangt das heutige Lebensumfeld,
dass Schülerinnen und Schüler Englisch lernen, andererseits
muss die staatspolitische Forderung ernst genommen werden, den Kontakt
zur Sprache und Kultur unserer Landsleute sicherzustellen. Die Umsetzung
der Initiative könnte den Weg für ein modernes Sprachenkonzept
unter Berücksichtigung dieser Zielsetzungen freimachen und
damit zum Brückenschlag zwischen Moderne und Tradition werden.
Mögliches modernes Sprachenkonzept
Intensive Recherchen auf Bundesebene haben gezeigt, dass Englisch
als erste Fremdsprache favorisiert werden könnte. Wir haben
deshalb unseren Vorschlag eines künftigen Sprachenkonzeptes
auf dieser Grundlage entwickelt.
Gemäss diesem Konzept soll Englisch ab der 3. oder 4. Primarklasse
obligatorisch sein. Wichtig dabei ist, dass der Unterricht als Sprachfach
mit klarer wöchentlicher Stundendotierung erteilt wird. Auf
die geplanten diffusen "Sprachbäder", auf Englisch
erteilten Unterricht in Naturkunde, Geschichte und Geographie also,
an derem Ende die Schülerinnen und Schüler weder naturwissenschaftliche
und historische Inhalte noch Alltagsenglisch beherrschen, könnte
somit verzichtet werden. Der Beginn des Französischunterrichts
wird auf die Oberstufe verlegt. Damit hätten wir lediglich
wieder den früheren Zustand wie vor der Einführung des
Primarschulfranzösisch (status quo ante). Pädagogische
und gesellschaftliche Anliegen können auf diese Weise erfüllt
werden, zudem kann der Ausgewogenheit zwischen "Kopf, Herz
und Hand" besser Rechnung getragen werden.
An der Sekundarschule soll Französisch und Englisch obligatorisch
sein, wobei Dispensationsmöglichkeiten für schwächere
Schülerinnen und Schüler im bereits praktizierten Rahmen
möglich sein müssen. Dabei gehe ich nicht davon aus, dass
Französisch vollständig abgewählt werden kann. Durch
das Französischobligatorium an der Oberstufe wird eine zentrale
staatspolitische Forderung erfüllt, darum darf es auch künftig
keine Zürcher Sekundarschule ohne obligatorischen Französischunterricht
für alle geben.
Im Vergleich zur heutigen Situation wäre es so, dass die Schülerinnen
und Schüler anstatt mit Französisch- mit (vertiefteren)
Englisch-Vorkenntnissen in die Oberstufe übertreten würden.
Dies hätte selbstverständlich entsprechende Anpassungen
im Bereich des Lehrplans und der Lehrmittel zur Folge.
Dieser Vorschlag eines Sprachenkonzeptes zeigt einen möglichen
Weg einer konkreten Umsetzung unserer Initiative auf. In diesem
Sinn stellt er keine definitive Lösung dar. Er soll aber zu
einer breiten Diskussion Anlass geben, welche die Grundlage zur
Schaffung eines mehrheitlich akzeptierten Sprachenkonzeptes darstellt.
Ein wichtiges Ziel darf dabei aber keinesfalls verlorengehen: Die
seriöse Schwerpunktsetzung im Sprachenunterricht der Volksschule!
Urs P. Loosli

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