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Referat Barbara Zenger und Marcel Tischer Mittelstufenlehrkräfte im Kanton Zürich

Die Initiative richtet sich keineswegs gegen das Erlernen von Englisch, auch nicht gegen das Französisch. Sie plädiert vielmehr für sorgfältiges Abwägen, was welchen Kindern in welchen Klassen wann zugemutet werden kann oder darf.

Sprachenrealität an der Volksschule
Sprache ist das Kommunikationsmedium. Je differenzierter und fundierter ich meine Sprache beherrsche, desto genauer und verständlicher kann ich kommunizieren.

Öisi Mueterschprach (da) isch Schwiizer-Dialäkt.

Dann werden wir durch die Medien and the music rasch konfrontiert mit Hochdeutsch and English.

Et le français? J'ose dire que cette langue nationale est plus à distance dans notre vie quotidienne.

In südeuropäischen, südosteuropäischen und asiatischen Sprachen sind meine Ausdrucksmöglichkeiten sehr rudimentär. Diese Sprachen sind aber in unseren Klassen stark vertreten.

Da haben wir den Sprachensalat bei den Kindern aus all den Nationen, die unsere deutschschweizer Primarschulen besuchen!

Deutsch als Grundlage
Damit wir hier also miteinander etwas weiterführender kommunizieren können als: "Hei Mann, gib Ball, susch Pfuscht!" hat Deutsch erste Priorität. Deutsch soll laut Lehrplan der Mittelstufe (Seiten 135-145) verstanden und gelesen werden können. Das hört sich so banal und einfach an, ist aber ein langwieriger, komplexer Prozess. Der braucht viel Übung und für die Wortschatzerweiterung viele verschiedene Inhalte, auch aus dem Bereich "Mensch und Umwelt". Verstehen und lesen können sind aber nur die ersten Schritte. Informationen gilt es auch richtig zu verarbeiten. Die Kinder sollen sich deutlich und verständlich ausdrücken können, fähig sein Gespräche, zu führen und Texte zu schreiben. All das braucht viel Zeit und vielfältige Übungsfelder.

Verschiedene individualisierende Lernformen stützen sich aus naheliegenden Gründen (Lärm, Ablenkung, Unkonzentriertheit, Störfaktoren …) stark auf den schriftlichen Bereich. Sprache, auch Deutsch, soll aber häufig gesprochen werden können. "Mensch und Umwelt" bietet häufig Gelegenheit, Standardsprache in realem Kontext anzuwenden.

Zitat von Regierungsrätin Regine Aeppli: "Der Bildungsrat unterstützt Anstrengungen verschiedenster Art, um die deutsche Standardsprache im Unterricht zu fördern. Es liegt wesentlich bei den Lehrpersonen, ihren Unterricht entsprechend zu gestalten."

Die für mich erkenntlichen bildungsrätlichen "Anstrengungen" verkörpert hauptsächlich die Verordnung, die deutsche Standardsprache in der Schule durchs Band in allen Situationen zu brauchen. Was keine wirkliche Neuerung darstellt. Der ganze Rest liegt bei uns. Damit werden wir Lehrerinnen und Lehrer bei den aktuellen und noch steigenden Klassengrössen und den vielerorts einengenden Schulraumbedingungen sehr, sehr allein gelassen!

Englisch lernen?
English is omnipresent in music, computer, reading ads, listening to any media. No question it is important to have a good knowledge of English nowadays wherever you are living! But the question is: how to acquire it?
Englische "Sprach-Bäder" fänden natürlicherweise in englischsprachiger Umgebung statt. Unsere Erstsprache ist aber Schweizer Dialekt und die prioritäre Schulsprache ist das Hochdeutsche. Aufgrund dieser Ausgangslage ist "Englischlernen" zwangsläufig "Fremdsprachelernen". Das kann aber in jedem Alter in anregender, handlungsorientierter und motivierender Art und Weise stattfinden.

Zitat der Mannheimer Linguistin Rosmarie Tracy: "Die bis vor wenigen Jahren auch in der Wissenschaft geläufige Meinung, die Fähigkeit zum erfolgreichen Sprachenlernen gehe irgendwann in der Pubertät verloren, gilt nicht mehr so absolut. Wir wissen heute, dass Sprachen auch danach sehr gut erlernt werden können. Allerdings wechseln die Strategien ... und die Erfolgschance hängt stark von Motivation und Begabung ab. ... Wichtiger als das Alter sind aber die Bedingungen und die Qualität des Inputs."

Damit sind für uns einige wesentliche Kriterien erwähnt
Englisch ist wichtig.
Es soll dem Alter angepasst und qualitativ gut vermittelt werden.
Das verlangt sehr gut ausgebildete Lehrkräfte sowie gut aufbereitete Themenfelder aus dem Alltag, die den Kindern bereits sprachlich vertraut sind. Ohne sprachliches Fundament kann nicht weiter gebaut werden.
Das bedeutet etwa "CLIL" im bereits praktizierten Fremdsprachenerwerb, mit Themen wie Familie, Kalender durchs Jahr, Essen und Trinken, in der Schule ...

Auf keinen Fall aber "CLIL" mit so komplexen Themen wie naturkundlichen, geografischen oder geschichtlichen Informationen. Einerseits sind die bei den Kindern in Deutsch sprachlich noch nicht verankert, andererseits wäre ein adäquater Wortschatz in English far too demanding as well as for pupils and for teachers.
Damit könnten wir weder dem Thema inhaltlich gerecht werden, noch die nötigen anwendbaren Englischkenntnisse vermitteln.
Zitat vom Sprachwissenschaftler Rudolf Wachter: "Wo aber sind die Heerscharen neuer Primarlehrkräfte, die genug Englisch können?... Mit der Minimalforderung eines Advanced Certificate, ... , dürfen wir uns jedenfalls nicht zufrieden geben. (Vorsicht aber auch vor "native speakers" ohne ausreichende Lehrqualifikation und Deutschkenntnisse)"

Schwerpunktsetzung (innerhalb der Stundentafel)
Auf der Mittelstufe stehen wöchentlich 28 Lektionen zur Verfügung. Damit sind die Kids bereits genug gefordert. Besuchen doch viele noch zusätzliche Aufgaben-, Therapie-, Förder-, Musik- Sport- etc. stunden. Auch brauchen sie genügend Zeit für die Hausaufgaben. Nachhaltig lernen ist ein individueller Vertiefungsprozess, der Zeit beansprucht.
Von den vorher erwähnten 28 Lektionen entfallen 5 auf Mathematik, 3 auf Sport, bis jetzt noch 4 auf Handarbeit, 2 auf Zeichnen und 2 auf Musik. Dank dieser Verteilung ist momentan ein ganzheitliches einigermassen ausgewogenes Lernen und kindliches Entwickeln noch gewährleistet.
Für Deutsch, "Mensch und Umwelt" sowie Französisch oder Englisch bleiben lediglich noch 12 Lektionen.
5 davon sind für unsere Standardsprache dringend nötig (PISA!). Es bleiben 5 für den Bereich "Mensch und Umwelt", der in unserem Lehrplan "Individuum und Gemeinschaft", "Natur und Technik", "Heimat und Welt" und "Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft" umfasst. Damit wird stark auch die deutsche Sprache gefördert. Allein für die Mittelstufe beinhaltet das Curriculum Lehrziele über 15 Seiten!
Daran zu kürzen und sprachlich limitieren zu wollen, stellt Schulqualität klar in Frage!

Belastung unserer Schulkinder
Viele sogenannt bildungsferne Kinder sind mit den an sie gestellten Anforderungen bereits an der Grenze ihrer Möglichkeiten oder schon überfordert. Es fehlt an Mitgebrachtem von zu Hause, an Betreuung und Unterstützung durch die "Erziehungsberechtigten", an grundsätzlicher Sprachkompetenz in ihrer Erstsprache, welche das auch immer sei. Diese Kids können wir nicht flächendeckend obligatorisch noch stärker belasten. Das widerspräche einer individuell möglichst optimalen Bildungschance. Wir sollten auch keinesfalls die entwicklungsmässig so wichtigen und verbindenden musischen Fächer weiter reduzieren, um kopflastige Lernbereiche stärker auszubauen. Menschen bestehen nicht nur aus Kopf allein!
Kein Zweifel: Es gibt durchaus Kinder, die über mehr Lernkapazität verfügen! Warum nicht neben der obligatorischen Fremdsprache für sie eine zweite schon auf der Mittelstufe als Freifach anbieten?

Für uns bedeutet Chancengleichheit in der Volksschule nicht zwingend, dass alle obligatorisch das Gleiche lernen müssen. Sondern alle müssen die Chance haben, ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen entsprechend Wichtiges lernen zu dürfen!
Lernmotivation geht in den seltensten Fällen mit Schulfachzwang einher!
Kurzum: Für unsere 28 Wochenstunden müssen wir Schwerpunkte / Prioritäten setzen.

Schulqualität
Vielen Lehrpersonen ist es ein Anliegen, nachhaltig und qualitativ hochstehend zu lehren und nicht - ich formuliere es jetzt absichtlich provozierend - "in möglichst vielen Bereichen ein bisschen zu bädele".
Wir müssten dringend gemeinsam den oft missbrauchten Begriff "Schulqualität" klar neu definieren.
Darum nochmals unsere Anliegen in der Zusammenfassung:
" Nur eine Fremdsprache an der Primarschule obligatorisch.
" Dafür sicher stellen, dass einigermassen fundierte Deutschkenntnisse vermittelt werden. Damit
wird die wichtige grundsätzliche Sprachkompetenz unterlegt.
" Diese eine Fremdsprache soll klar als solches Fach deklariert werden und nicht dem komplexen und wichtigen Bereich "Mensch und Umwelt" untergejubelt werden.
" Politisch ist endlich dafür einzustehen, dass Englisch global gesehen Priorität hat gegenüber unseren Landessprachen.
" Die Lehrkräfte müssen gut ausgebildet sein.
" Es sind alltagstaugliche, verbindliche Lehrmittel bereitzustellen.
(Die meisten dieser Punkte sind übrigens auch zu finden in der "ARGE-Evaluation" zum Schulprojekt 21 unter Punkt 4.3. in Zusammenfassung und Stellungnahme.)
Weitere Informationen und Argumente finden Sie auf unserem "Englisch-Flyer", den wir der Presse-mappe beigefügt haben.

Barbara Zenger und Marcel Tischer

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